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Die Prognoseillusion

Geschichte frei nach Rolf Dobelli, Spiegel-Bestseller-Autor

Warum die Kristallkugel unseren Blick auf die Zukunft verzerrt

„Der Euro wird auseinanderbrechen.“
„Kein Rohöl mehr in 15 Jahren.“
„Facebook wird in drei Jahren das wichtigste Unterhaltungsmedium sein.“
„Weltraumspaziergänge für jedermann in zehn Jahren.“

Solche Prognosen begegnen uns täglich – formuliert von vermeintlichen Experten, vorgetragen mit großer Gewissheit und medialer Reichweite. Die zentrale Frage lautet jedoch: Wie verlässlich sind diese Vorhersagen tatsächlich?

Lange Zeit wurde diese Frage kaum systematisch untersucht. Erst der US-amerikanische Politikwissenschaftler Philip Tetlock brachte empirische Klarheit. Er analysierte über einen Zeitraum von zehn Jahren 82.361 Prognosen von 284 Experten. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Trefferquote lag kaum über dem Zufall.

Besonders bemerkenswert: Die medienpräsentesten Experten schnitten am schlechtesten ab. Vor allem Untergangsszenarien und Desintegrationsprognosen erwiesen sich als notorisch unzuverlässig. Das prophezeite Auseinanderbrechen von Kanada, Nigeria, China, Indien oder der Europäischen Union lässt bis heute auf sich warten. Dass Libyen tatsächlich zerfiel, hatte zuvor bezeichnenderweise kaum jemand prognostiziert.

Der Kern des Problems liegt im Anreizsystem. Falsche Prognosen haben für Experten in der Regel keine negativen Konsequenzen – weder finanziell noch reputativ. Richtige Prognosen hingegen bringen Aufmerksamkeit, Publikationen, Vortragsanfragen und Beratungsmandate.

Ökonomisch gesprochen handelt es sich um eine Gratisoption, denn es gibt keine Downside bei falschen Vorhersagen, aber hohe Upside bei zufälligen Treffern. Je mehr Prognosen abgegeben werden, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass einige davon rein zufällig eintreffen. Das erklärt die regelrechte Inflation an Vorhersagen – und deren fehlende Qualität.

Der Ökonom John Kenneth Galbraith brachte es treffend auf den Punkt: „Es gibt zwei Arten von Menschen, die die Zukunft vorhersagen: jene, die nichts wissen, und jene, die nicht wissen, dass sie nichts wissen.“

Ein Gedankenexperiment: Prognosen mit Haftung

Man könnte dieses Problem elegant lösen, indem Prognosen einen Preis hätten. Beispielsweise müsste jeder Prognostiker für jede Vorhersage einen Betrag in einen „Prognosefonds“ einzahlen. Trifft die Prognose ein, erhält er das Geld verzinst zurück. Liegt er falsch, wird der Betrag gespendet.

Die Zahl der Prognosen würde schlagartig sinken – und ihre Qualität vermutlich steigen.

Was ist überhaupt prognostizierbar?

Nicht alles ist gleich unvorhersehbar. Persönliche Größen mit geringer Komplexität und kurzem Zeithorizont – etwa das eigene Körpergewicht in einem Jahr – lassen sich relativ gut abschätzen.

Anders verhält es sich bei komplexen Systemen wie die Kapitalmärkte, Wechselkurse, Rohstoffpreise oder technologische Durchbrüche. Je komplexer das System und je länger der Zeithorizont, desto diffuser wird der Blick in die Zukunft. Innovationen sind per Definition nicht prognostizierbar – denn wären sie es, wären sie bereits Realität.

Ein pragmatischer und gesunder Umgang mit Prognosen beginnt mit Skepsis. Ein hilfreicher Reflex: Zunächst schmunzeln. Das nimmt der Prognose ihre scheinbare Wichtigkeit.

Anschließend helfen zwei einfache Fragen:

  1. Welches Anreizsystem hat der Prognostiker?
    Ist er angestellt und haftet für Fehler – oder lebt er von Aufmerksamkeit, Büchern und Vorträgen?
  2. Wie sieht seine Trefferbilanz aus?
    Wie viele Prognosen hat er in den letzten Jahren abgegeben – und wie viele davon sind tatsächlich eingetroffen?

Dobellis Wunsch an die Medien: Bitte keine Prognosen mehr ohne Leistungsausweis. Transparenz würde die Qualität der öffentlichen Debatte deutlich erhöhen… und natürlich Prognosen für den künftigen Goldpreis oder Stand von Bitcoin zum Ende des kommenden Jahres unterbinden.