Steht die Börse kurz vor dem Crash?
Florian Anderl und Helene Göbl 19.09.2026 Investment
Kaum ein Thema beschäftigt Anleger derzeit so sehr wie die Frage, ob die Börse – insbesondere der KI- und Technologiesektor – vor einem größeren Rückschlag steht.
Hohe Kurse, ambitionierte Bewertungen und die Euphorie rund um künstliche Intelligenz liefern durchaus Gründe für Vorsicht. Doch was lässt sich daraus tatsächlich ableiten?
Sind die Bewertungen wirklich gefährlich hoch?
Ja, Teile des Aktienmarktes sind heute “knackig” bewertet. Besonders bei einigen KI- und Technologiewerten sind die Erwartungen an das zukünftige Wachstum sehr hoch. Der häufige Vergleich mit der Dotcom-Blase greift allerdings zu kurz. Viele der heutigen großen Technologieunternehmen verfügen über erhebliche Umsätze, Gewinne und Cashflows. Das schließt Überbewertungen einzelner Aktien nicht aus – macht einen unmittelbar bevorstehenden Crash daraus aber noch lange nicht.
Eine hohe Bewertung ist deshalb ein Risiko, aber kein verlässliches Timing-Signal.
Was ist mit den Warnungen vor einem Crash?
Warnungen von erfahrenen Marktbeobachtern sollte man ernst nehmen. Sie können auf reale Risiken hinweisen. Das Problem: Aus einer richtigen Einschätzung des Risikos lässt sich noch kein richtiger Zeitpunkt für einen Ausstieg ableiten. Auch der Satz „Die Börse ist schon zu stark gestiegen“ ist historisch kein überzeugendes Verkaufssignal. Untersuchungen des S&P 500 zeigen, dass der Index nach einem neuen Allzeithoch ein Jahr später in rund 81 Prozent der Fälle höher stand. Nach fünf Jahren waren es rund 86 Prozent.
Das bedeutet nicht, dass Märkte nach einem Rekordhoch nicht fallen können. Es zeigt lediglich: Ein Allzeithoch allein ist kein guter Grund, aus dem Markt auszusteigen.
Warum Market Timing so schwierig ist
Theoretisch klingt es einfach: vor dem Crash verkaufen und später günstiger wieder einsteigen.
In der Praxis müssen Anleger dafür gleich zweimal richtig liegen. Hinzu kommt, dass die stärksten Börsentage häufig unmittelbar auf sehr schwache Tage folgen. Wer in einer turbulenten Phase aussteigt, riskiert deshalb, genau die Erholung zu verpassen. Eine Analyse von J.P. Morgan zeigt, wie stark sich bereits das Verpassen der zehn besten Börsentage über einen längeren Anlagezeitraum auf die Rendite auswirken kann.
Unsere Konsequenz: Strategie statt Crash-Wette
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht:
„Wann kommt der nächste Crash?“
Sondern:
„Ist mein Portfolio so aufgestellt, dass ich auch mit einem Crash umgehen kann?“
Statt auf den perfekten Ein- oder Ausstiegszeitpunkt zu wetten, setzen wir auf klare Zielquoten, breite Diversifikation, regelmäßige Überprüfung und ein strukturiertes Rebalancing.
So muss nicht jede Schlagzeile zu einer neuen Anlageentscheidung führen.
Denn niemand weiß zuverlässig, wann der nächste Rückschlag kommt. Was sich dagegen planen lässt, ist der eigene Umgang damit.
Nicht die Fähigkeit, den nächsten Crash vorherzusagen, entscheidet über die Qualität einer Anlagestrategie. Entscheidend ist, ob die Strategie auch dann funktioniert, wenn niemand weiß, was als Nächstes passiert.











